,,Als Opfer musst du immer alles geben und dich verteidigen.“

Selbsterfahrungsbericht

Es ist warm an diesem frühen Donnerstagabend. Marie-Louise und ich laufen mit Navi auf der Neckarstraße entlang, auf der Suche nach dem sogenannten Outfight Center. Einer Ving Tsun Schule in Darmstadt, gegründet und geleitet von Sifu Frank. Ving Tsun wurde zwischen dem 17. und dem 18. Jahrhundert entwickelt. Die Grundlagen für die chinesische Kampfkunst, wurden aus dem Bedürfnis heraus entwickelt, das eigene Leben zu schützen und zu verteidigen. Dabei wurde vor allem auf die Anatomie des menschlichen Körpers und die physikalischen Gesetze geachtet. Als wir acht Minuten vor Beginn des Kurses, immer noch verzweifelt Neckarstraße 12-16 suchen, entschließen wir uns anzurufen. Nachdem ich meinen Namen am Telefon sage, meldet sich eine freundliche Männerstimme: ,,Ich sehe euch. Kommt einfach ins Fitness First, ich hole euch am Eingang ab.“ Gesagt, getan. Als wir zehn Sekunden später im Eingangsbereich des Fitnessstudios stehen, werden wir von der freundlichen Stimme abgeholt, die zu Sifu Frank gehört. Nach einer kurzen aber sehr freundlichen Begrüßung, werden wir bereits in den Kursraum mitgenommen. Dort angekommen bin ich von dem Anblick, der uns erwartet sehr überrascht. Abgesehen von uns und Sifu Franks Assistenztrainerin Catharina, nehmen nur zwei weiblich gelesene Personen an dem Kurs teil. Viel Zeit mich darüber zu wundern habe ich allerdings nicht, denn der Kurs startet nach ein paar einführenden Worten direkt mit einer routinierten Abfolge an Bewegungen. Vor allem für die Wahrnehmung des eigenen Körpers und zur Kommunikation mit unserem Gegenüber seien die folgenden Übungen gut. Bei dieser und den darauffolgenden Übungen wird sehr darauf geachtet, dass wir Anfänger sind. Schnell wird deutlich, dass es in diesem Kurs vor allem um Technik und richtige Ausführung geht und nicht um Kraft oder Schnelligkeit. Für die folgenden Übungen finden wir uns in Zweiergruppen zusammen. So haben wir die Chance, jede und jeden ein wenig kennenzulernen. Bei vielen der Übungen kommen sogenannte Pratzen zum Einsatz. Das sind Handschuhe mit einem großen Schlagpolster auf der Handfläche, die in der Kampfkunst verwendet werden, um Schläge und Tritte zu trainieren. Es wird das Angreifen, aber auch das Verteidigen und Abwehren zu gleichen Teilen trainiert. Ungefähr nach zwanzig Minuten bereue ich es keine richtigen Sportsachen angezogen zu haben, denn die Übungen sind, entgegen meiner Erwartungen, anstrengender als so manches Krafttraining. Der Kurs wird mit einer zehnminütigen Fitnesseinheit abgeschlossen, die meinen Armen, die sich ohnehin schon anfühlen wie Gummi, den Rest gibt. Stolz auf mich selbst und überrascht darüber, dass ich die vollen 1,5 Stunden durchgestanden habe, ohne schlapp zu machen, stehe ich in einer Reihe mit den Anderen. Zur Verabschiedung verbeugen sich alle und der Kurs ist zu Ende.


Interview

Seit wann gibt es die Kurse?

Angefangen haben wir 2009 in unseren eigenen Räumlichkeiten in Groß-Gerau, der Hauptschule. In Darmstadt sind wir zweimal die Woche zur Untermiete.

Wechseln die Kursmitglieder ständig oder kommen immer die gleichen?

Angemeldete Mitglieder können in beiden Schulen, sowohl in Groß-Gerau als auch in Darmstadt, an den Kursen teilnehmen. Das heißt, dadurch mischen sich die Kurse ein wenig. Ob man sich für ein halbes oder ein ganzes Jahr anmeldet, kann man anfangs selbst auswählen.Darüber hinaus gibt es noch Basic-Workshops für Erwachsene oder auch für Frauen, die von Catharina angeboten werden. Diese gehen entweder einen Tag lang oder über ein Wochenende. In diesen Fällen bucht man nur den Kurs und meldet sich nicht an. Mein Hauptgeschäft ist allerdings der normale Schulbetrieb unter der Woche.

Gibt es außer euch beiden noch weitere Trainer*innen?

Die Outfight-Schulen sind meine Firma und das ,,selbstsicherstark“, also die Selbstverteidigungskurse für Frauen, gehören Catharina. Das sind zwei voneinander unabhängige Firmen. Catharina ist bei mir angemeldete Schülerin und hat bei mir die Lehrerausbildung und Lehrer-Graduierung gemacht. Von denen, die eine solche Lehrer-Graduierung absolviert haben, gibt es noch ein paar, die mir assistieren.

Wie unterscheiden sich die Kindertrainings zu den Kursen für Erwachsene?

Das Kindertraining fängt bei uns ab einem Alter von sieben Jahren an. In Ausnahmefällen ab sechs. Dann sind die Kinder motorisch schon so weit, dass sie schon ein wenig Ving Tsun umsetzen können. Natürlich wird auch viel gespielt, aber eben auch motorisch geschult. Dann geht es aber wie bei den Erwachsenen auch um Bratzenarbeit und darum, was ist, wenn ich geschubst werde oder wenn mich jemand auf dem Schulhof ärgert. Ein großer Punkt ist noch das Szenarien-Training, wo die Kinder lernen, wie sie sich verhalten, wenn sie zum Beispiel aus dem Auto heraus angesprochen werden. Mit Kindern reden wir während des Trainings ganz viel, weil Kinder einfach viel mehr Fragen stellen als Erwachsene.

Gibt es ein solches Szenarien-Training auch bei den Erwachsenen?

Bei den Erwachsenen versuche ich immer einen Bezug zur Realität herzustellen und den Leuten zu verdeutlichen, dass die christliche Erziehung, die wir genossen haben, die besagt, man müsse die andere Wange auch noch hinhalten, nicht der Realität entspricht. Man muss immer überlegen, was passiert, wenn ich nachts von drei Leuten angegriffen werde. Wie muss ich mich “im Extremfall” verhalten und verteidigen, damit ich heil zuhause ankomme. Viele haben auch Hemmungen. Dabei ist dann immer die Frage: Wer soll nachhause kommen? Er oder du. Was ist dir lieber? Wir sind auch eine sehr homogene und harmlose Gruppe, das heißt, wir haben keine Schläger oder etwas in der Art in unserer Gruppe. Die Leute fangen keinen Streit an, das heißt es sind in der Regel immer Opfer und als Opfer musst du immer alles geben und dich verteidigen.

Kommen die Teilnehmer eher präventiv zu euch oder gibt es viele Fälle, in denen die Leute sich aufgrund eines Schicksalsschlages anmelden?

Das ist völlig unterschiedlich. Wir haben auf der einen Seite einen Firmenchef, der einfach mal dieses Chef-Sein ablegen will. Dann gibt es Leute, die Ving Tsun als Kampfkunst total cool finden und das Ästhetische daran mögen. Nochmal andere Leute kommen zu uns, weil sie (fast) eine Gewalterfahrung machen mussten und aus diesem Grund lernen möchten sich zu verteidigen.

Haltet ihr auch Vorträge?

Wir haben über die Corona-Zeit viele Theorieeinheiten per Zoom angeboten, die auch sehr gut angenommen wurden. Darüber hinaus haben wir immer wieder Themenseminare, wo wir neben dem praktischen Teil auch Theorie vermitteln. Aber im Unterricht ist immer auch Theorie dabei. Du kannst Ving Tsun nicht ohne Theorie unterrichten. Die Leute brauchen ein Verständnis dafür, um es erlernen zu können.

Habt ihr abschließende Worte an die Menschen, die sich noch überlegen, ob sie sich anmelden sollen?

Das größte Hindernis ist, glaube ich, dass die Leute denken, warum soll ich in einen Kampfsportverein gehen? Und womöglich haben manche auch ein wenig Angst, weil sie es sich ein wenig brutaler vorstellen als es eigentlich ist. Bei uns kann man sich das Training allerdings sehr ruhig und angenehm gestalten und die Leute, die ein wenig mehr Gas geben wollen, bekommen auch die Chance dazu. Bei uns wird, vor allem am Anfang niemand kaputt geschlagen. Es herrscht eine sehr schöne und harmlose Atmosphäre in den Kursen. Man muss einfach das Bild in den Köpfen der Leute verändern. Die Leute sollen sich trauen zu uns oder allgemein in einen Kampfsportkurs zu gehen.

Von Silia Gregan, 22.07.2022

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