„Einfach nur den Soldaten sehen“ – Gleichstellung in der Bundeswehr

Frauen gibt es bei der Bundeswehr jetzt seit über 20 Jahren. Doch nach wie vor ist das Militär unbestreitbar ein männerdominiertes Berufsfeld. Wie gut das mit der Gleichstellung von Männern und Frauen funktioniert, ist schwierig zu beurteilen.

Lange war die Bundeswehr reine Männersache. Erst seit 2001 werden Frauen für den Kampfeinsatz ausgebildet. Zu dem Zeitpunkt war das weder die Idee der Bundeswehr, noch die Idee der Politik. Den Beschluss fällte der Europäische Gerichtshof am 11. Januar 2000. Es sei zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Männern und Frauen notwendig, Frauen alle Ausbildungswege in der Bundeswehr zu öffnen. In den letzten 21 Jahren bemühte sich die Bundeswehr, den Eindruck der Gleichstellung von Männern und Frauen aufzubauen – zumindest in der Außendarstellung.

Allein unter Männern

Die Bundeswehr wurde gewissermaßen gezwungen, sich den Frauen zu öffnen. Dieser Umstand hat den ersten Rekrutinnen den Einstieg sichtlich erschwert. Das zeigt der Dokumentarfilm „Feldtagebuch – Allein unter Männern“ sehr deutlich. Die Filmemacherin Aelrun Goette begleitet die ersten jungen Frauen in ihrer Grundausbildung und zeigt unangemessenes Verhalten von Ausbildern, Frauenfeindlichkeit und Verletzung der Menschenwürde. Der Umgang des Hauptfeldwebel Armin Fortenbacher mit seinen ersten weiblichen Anwärtern ist gnadenlos. „Falsche Berufswahl“ ist häufig von ihm zu hören. Die sportlichen Leistungen kommentiert er mit: „Wenn ich Personalchef wäre, ich würde sowas entlassen“. Auch einige Kameraden in der Grundausbildung äußern ihr Unverständnis. „Die kommen hier eindeutig nicht zurecht und verpissen sich immer noch nicht.“ Fortenbacher vertritt allerdings als Ausbilder einen interessanten Standpunkt bei der Frage, ob Frauen etwas in den Kampfeinheiten der Bundeswehr zu suchen haben oder nicht: Man müsse nur davon wegkommen, die Frau als Frau anzusehen. Man müsse einfach nur den Soldaten sehen.

Fairness?

Diese Aussage liefert Diskussionspotential. In einem Umfeld, in dem Männer und Frauen den gleichen körperlichen Belastungen ausgesetzt sind, ist fraglich, wie fair diese Einstellung tatsächlich ist. Frauen in der Grundausbildung und in Führungspositionen werden als weitgehend normal dargestellt, der Frauenanteil in der Bundeswehr liegt mittlerweile bei rund 13 Prozent. Große Unterschiede zu den männlichen Kameraden scheint es in der Ausbildung heute nicht mehr zu geben, außer dass die Rekrutinnen beim Ankleiden mit Sport-BHs ausgestattet werden und die ersten Befehle nach ihrer Ankunft in der Kaserne lauten: Schmuck ablegen, abschminken und Haare zopfen. Die Gleichberechtigung hat sich auch in den Köpfen der Soldaten und Soldatinnen gefestigt, obwohl generell deutlich wird, dass sich viele zu dem Thema Gleichstellung nicht äußern wollen, ohne sich vorher die Erlaubnis ihrer Vorgesetzten einzuholen. Drei Soldaten aus dem Sanitätsdienst der Bundeswehr haben sich dennoch geäußert:

Akim: „Es würde helfen, zunächst alle nur als Soldaten zu sehen, und rein abhängig von der Leistung und Motivation zu bewerten.“

Kommentar vom 30.05.2022

Anna: „Für mich macht den Job aus, dass wir ein Team bilden. Jeder mit seinen oder ihren besonderen Fähigkeiten. Es ist irrelevant, welche biologischen Geschlechter im Team vorhanden sind, solange wir unseren Auftrag adäquat wahrnehmen und uns gegenseitig wertschätzen. Mir ist es wichtig, dass ich seitens der Kameraden nicht anders wahrgenommen werde. In meiner Vorstellung ist in der Truppe jeder gleichgestellt.“

Kommentar vom 31.05.2022

Jonas: „Ich beurteile Menschen anhand ihrer Menschlichkeit und an ihrem Können, nicht anhand des Geschlechts. Gleiches gilt für mich bei Soldaten.“

Kommentar vom 30.05.2022

Keine Gleichheit bei Körperkraft

Im Sinne der Gleichstellung wird die Entwicklung der letzten 20 Jahre von vielen Seiten gelobt. Doch in der Ausbildung von Soldaten und Soldatinnen sehen Wissenschaftler ein konkretes Problem. Das Zentrale Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Koblenz, eine Forschungsgruppe der Deutschen Sporthochschule Köln und die Sanitätsakademie der Bundeswehr München, beschäftigten sich gemeinsam mit der Frage der körperlichen Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit von Soldatinnen. Aus der Auswertung von mehr als 20.000 Basis-Fitness-Tests geht zwar zunächst hervor, dass Frauen den Männern hier im Durchschnitt ebenbürtig sind. Doch ganz anders sieht es schon bei den Maximalkrafttests aus, bei denen Frauen 30 bis 50 Prozent weniger Körperkraft aufweisen. Diese offenkundige Kraftdifferenz wird auf den Einfluss von Hormonspiegel sowie Körperbau und Körperzusammensetzung zurückgeführt. Frauen sind im Allgemeinen kleiner und leichter als Männer, haben durchschnittlich weniger Muskulatur, einen höheren Körperfettanteil, kürzere Extremitäten und dadurch weniger Körperkraft, die aber in vielen Disziplinen bei der Bundeswehr eine große Rolle spielt.

Kommt schließlich der Faktor Ausrüstung hinzu, sind Frauen den Männern eindeutig unterlegen und deutlich häufiger von Überlastungsverletzungen betroffen. Das Tragen der gesamten Kampfausrüstung mit einem Gewicht von bis zu 40 kg und Märsche durch unwegsames Gelände sind für Soldatinnen eine besonders hohe Belastung. „Für die körperliche Überforderung von Soldatinnen spricht das höhere Verletzungsrisiko (1,5 bis über 15-fach) im Bereich des Muskel-Skelett-Systems“, heißt es im Bericht der Forschungsgruppe.

Forschende fordern Veränderung

Ihr Rat: Mit angepasstem Training könnten Verletzungen vermieden werden. Die Mitwirkenden forderten deshalb eine Optimierung des Soldatentrainings in Zusammenarbeit mit dem 2017 gegründeten Institut für Präventivmedizin, doch bis heute gibt es keine neuen Entwicklungen. Die empfohlenen Anpassungen könnte die ganze Gleichberechtigungsdebatte erneut entfachen, denn die Bundeswehr müsste sich eingestehen, dass es doch nötig ist, einen Unterschied zwischen den Geschlechtern zu machen. Das würde genau dem Bild widersprechen, das die Bundeswehr heute vermittelt.

Von Maike Dorn, 08.06.2022

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